Die verlorene Dekade der Musikbranche

Gestern, in der Pizzeria: Im Hintergrund läuft “Pictures of you” von The Cure. Kurzer 80s-Nostalgieanfall. Was, ist das schon zwanzig Jahre her? Und irgendwie kommen meine Frau und ich auf die Frage: An welche Musik wird man sich in 20 Jahren erinnern, im Jahr 2029?

Oder anders gefragt: Was war in unserer aktuellen Dekade musikalisch wirklich neu und bemerkenswert?

Ich will jetzt nicht wie ein nostalgischer alter Sack klingen, obwohl das bei solchen Themen immer unvermeidlich ist, aber: Während die 60er und 80er klar die innovativsten musikalischen Dekaden der Nachkriegsgeschichte waren, gab es schon in den 90ern nicht schrecklich viel Neues.

Dsds2007-1Und die vergangenen knapp zehn Jahre waren ein einziges Ödland. Sagt sogar die stets korrekte Wikipedia im Artikel “Music in the 2000s“. Fundamental geändert hat sich vor allem eins: Wie wir technisch gesehen Musik konsumieren und kaufen.
Aber sonst? Irgendwelche Crossovers zwischen längst erfundenen Stilen, Wiedererfindungen mit Neo-Dies und Nu-Jenes. Ein Durchbruch wie Hip Hop oder wenigstens eine fundamentale Auffrischung wie New Wave ist nirgends zu sehen. Die einzigen Innovationen waren technischer und vor allem marketingorientierter Natur.

Traurig, aber wahr: Die 2000er werden wohl als Dekade in die Geschichte eingehen, deren grösste musikalische Innovation das Fernsehformat “American Idol” / “Deutschland sucht den Superstar” war. Künstlich hochgejubelte Dilletanten statt echter Talente, das ist die traurige Realität.

Die Musikbranche ist in der Kultur das, was die Automobilbranche für die Industrie ist: Die Grundelemente sind alle erfunden, jetzt gibt es nur noch bescheidene inkrementelle Verbesserungen — wenn überhaupt. Zu grossen Innovationssprüngen hat längst keiner mehr den Mut.

Arme Jugend.

“Slumdog Millionaire”: The Anti-Blockbuster

If there’s one movie that deserves to win a lot of Oscars this year, it’s “Slumdog Millionaire“.

Slumdog Millionaire PosterThis film was made for about a tenth of the budget of the year’s other hot contenter, “The Curious Case of Benjamin Button”. It certainly doesn’t boast the same kind of all-star cast and breakthrough technical wizardry. Instead it has a heart-warming story that is at the same time funny and thought-provoking, a cast of young, obviously enthusiastic actors and a fresh visual style that fuses a “Bourne Identity”-like vitality with Bollywood aestethics. Cinematographer Anthony Dod Mantle, who also shot some of Lars von Trier’s best movies, certainly did a fantastic job here, as did the rest of the crew.

What’s great to see above all is that a quality movie like this one still can find its way to a mainstream audience without gazillions of marketing money. Just look at the U.S. weekend box office numbers (according to IMDB) since “Slumdog Millionaire” was released in November:

$10,699,629 (USA) (25 January 2009) (1,415 Screens)
$5,849,157 (USA) (18 January 2009) (582 Screens)
$3,782,340 (USA) (11 January 2009) (601 Screens)
$4,690,769 (USA) (4 January 2009) (612 Screens)
$4,301,870 (USA) (28 December 2008) (614 Screens)
$3,053,760 (USA) (21 December 2008) (589 Screens)
$2,175,518 (USA) (14 December 2008) (169 Screens)
$1,402,176 (USA) (7 December 2008) (78 Screens)
$1,346,039 (USA) (30 November 2008) (49 Screens)
$947,795 (USA) (23 November 2008) (32 Screens)
$360,018 (USA) (16 November 2008) (10 Screens)

This gradual audience growth — obviously based on word-of-mouth recommendations — is refreshingly different from the usual Hollywood blockbusters that have one or two strong weekends (bought with a lot of marketing dollars) and then disappear.

Go see it. In my opinion, it’s the movie of the year.

Banker, Boni und volkswirtschaftlicher Blödsinn

Auf beiden Seiten des Atlantik wird gerade heftig über Banker und ihre Boni gestritten. Die Volksseele kocht angesichts der Tatsache, dass an Mitarbeiter von staatlich gestützten Banken (UBS, Bank of America, etc.) Boni in Milliardenhöhe ausgeschüttet werden sollen. Die Banken verteidigen sich: Erstens seien diese Zahlungen vertraglich vereinbart, und zweitens hätten ja viele Mitarbeiter auch einen guten Job trotz Finanzkrise gemacht.

Leider wird meiner Meinung nach diese Diskussion auf der falschen Ebene geführt, nämlich wieder mal nur aus einer sehr kurzfristigen Perspektive. Die langfristig eigentlich interessante Frage ist, welche Stellung die Banken in unserer Wirtschaft bisher eingenommen haben und nach diesem Schlamassel einnehmen sollten — und nur danach als Folge daraus, wie die Bankangestellten fair entschädigt werden sollten. Denn dass die Exzesse der letzten Jahre aufhören müssen und werden, ist wohl allen klar.

Zunächst: Die aktuelle Diskussion ist zu stark von Sozialneid beeinflusst. Dass Leute als Belohnung für echten Erfolg aussergewöhnlich viel Geld verdienen, finde ich absolut normal und unterstützenswert. In einer Marktwirtschaft dient das einem wichtigen Zweck, nämlich die talentiertesten Personen zu den wirtschaftlich erfolgreichsten (und damit auch wirtschaftspolitisch wünschenswerten) Tätigkeiten zu steuern.

Gern weisen Banker darauf hin, dass sie zwar viel verdienen, aber auch in der produktivsten Branche arbeiten. Auf den ersten Blick stimmt das sogar. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, aus Daten des Schweizer Bundesamtes für Statistik (BfS) auszurechnen, wie wirtschaftlich “gerecht” das Lohnniveau in verschiedenen Branchen der Schweiz ist.

Die folgende Grafik stellt zwei wesentliche Aussagen gegenüber: Erstens den Anteil der Bruttowertschöpfung verschiedener Branchen an der schweizerischen Gesamtwirtschaft, also das, was die einzelnen Branchen wirklich an nützlicher Leistung produzieren (blaue Balken). Zweitens habe ich den ungefähren Anteil dieser Branchen an der Gesamtlohnsumme eingezeichnet (rote Punkte), berechnet aus dem Medianlohn pro Branche und der Anzahl Vollzeitstellen, die in diesen Wirtschaftssektoren angeboten werden. Die Daten sind von 2006.

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Von der Logik her müssten die produktivsten Branchen (also die mit der höchsten Bruttowertschöpfung) auch die höchsten Lohnsummen zahlen. Wie man sofort sieht, ist das nicht der Fall: In der herstellenden Industrie wird scheinbar etwa fair bezahlt, das Baugewerbe oder das Gesundheitswesen zahlen aber eher zu hohe Löhne. Hingegen erscheinen die Mitarbeiter im Kreditgewerbe (also Banken) und der Versicherungswirtschaft relativ gesehen unterbezahlt zu sein. Zwar sind die Durchschnittslöhne in diesen Branchen tatsächlich absolut gesehen am höchsten, aber die Mitarbeiter scheinen pro Kopf auch am meisten Wertschöpfung zu produzieren.

Sind unsere Bankmitarbeiter also eigentlich unterbezahlte Überflieger, die man für ein schlechtes Jahr nicht auch noch durch staaatlich verordneten Bonusverzicht bestrafen sollte?

Im historischen Vergleich scheint sich das zu bestätigen: Die Banken haben ihren Anteil an der wirtschaftlichen Produktion 1994-2006 um etwa 50% gesteigert, aber die Angestellten verdienen “nur” etwa 15% mehr. Umgekehrt hat die herstellende Industrie (und dazu gehört z.B. auch die Chemiebranche) weitgehend stagniert, aber trotzdem nehmen die Mitarbeiter fast 4% mehr nach Hause.

Nun stellt sich aber natürlich die Frage, wie die beeindruckende Wertschöpfung der Banken eigentlich entsteht. Der betrachtete Zeitraum 1994-2006 war mit einem kurzen Unterbruch eine der stärksten Phasen, die die Finanzmärkte je erlebt haben. Wie wirkt sich das auf die Ergebnisse der Banken aus?

Wenn man den Wertschöpfungsanteil der Banken mal einfach so naiv der Börsenentwicklung (in diesem Fall dem Swiss Market Index) gegenüberstellt, zeigt sich ein erstaunliches Muster.

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Ganz offensichtlich war die Börse die entscheidende Triebfeder für die so beeindruckend gestiegene Wertschöpfung bei den Banken. Die Statistik unterscheidet nämlich nicht, ob da auch wirklich etwas “produziert” wurde, sondern berücksichtigt ausschliesslich finanzielle Grössen, auch wenn die aus volkswirtschaftlich weniger attraktiven Tätigkeiten wie etwa dem Eigenhandel von Banken stammen.

Schauen wir uns als Beispiel mal an, wie etwa die UBS ihr Geld verdient. Im wesentlichen macht eine moderne Bank aus drei Geschäftstätigkeiten Gewinn:

1) aus dem klassischen Zinsgeschäft, also dem Entgegennehmen von Spargelden und dem Gewähren von Krediten
2) aus Dienstleistungen und Kommissionen, primär im Investmentbanking und der Vermögensverwaltung
3) dem Handelsgeschäft, in dem Banken auf eigene Rechnung an der Börse dealen (also letztlich spekulieren).

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Wenn man diese drei Komponenten der Börsenentwicklung gegenüberstellt, zeigt sich ein nicht unerwartetes Muster: Das Handelsgeschäft geht im Gleichschritt mit der Börse hoch und runter. Die UBS reitet da also lediglich die Marktentwicklung, wofür sie als grosse Bank gut positioniert ist. Ähnlich sieht es beim Dienstleistungs- und Kommissionsgeschäft aus, da das klassische Investmentbanking stark von der Aktivität an den Finanzmärkten abhängt.

Und hier kommen wir langsam zum Kern des Problems: Ausgesprochen beunruhigend ist die Tatsache, dass die UBS beispielsweise im guten Börsenjahr 2006 nur gerade knapp 19% ihres Gewinns mit dem klassischen Brot-und-Butter-Zinsgeschäft erwirtschaftet hat. Der Löwenanteil von 81% kam aus den börsennahen Geschäftsbereichen.

Wenn man die Zahlen noch etwas genauer auseinandernimmt, kommt man schnell zum Schluss, dass die UBS — genau wie die meisten anderen Grossbanken — in den letzten Jahren etwa 60% ihrer Gewinne mit Tätigkeiten produziert hat, die man etwas bösartig verkürzend als “Zocken an der Börse” umschreiben könnte. Der volkswirtschaftlich eigentlich primär wünschenswerte Tätigkeitsbereich einer Bank — das klassische Zinsgeschäft — ist in den letzten zwei Dekaden immer mehr zu kurz gekommen.

Die stolz rapportierte “Wertschöpfung” der Banken bestand also zu einem grossen Teil aus weitgehend fiktiven Gewinnen, Resultat immer komplexerer Finanzinstrumente und aufgeblähter Börsenbewertungen. Und eins ist klar: Dass diese grossen Banken, die einst so stabil erschienen, jetzt in so fundamentalen Schwierigkeiten stecken, ist ausschliesslich dieser Tatsache zuzuschreiben. Im Moment werden weltweit hunderte von Milliarden an Steuergeldern investiert, um die wirtschaftlich erwünschten Teile von Institutionen zu retten, die sich schon lange dem puren Casino-Kapitalismus verschrieben haben und damit dramatisch gescheitert sind. Denn leider lassen sich die für die Wirtschaft essentiellen Teile des Bankensystems nicht einfach so aus diesen Gebilden heraustrennen. Offensichtlich ist das alles volkswirtschaftlich absurd, aber bedauerlicherweise wohl unumgänglich.

So gesehen ist die Diskussion um Banker-Boni auch umso befremdlicher. Das Wachstum der Unternehmensergebnisse, mit denen die stattlich gewachsenen Bankerlöhne über viele Jahre hinweg finanziert wurden, stammte keineswegs aus dem “seriösen” traditionellen Geschäft. Sicher, der durchschnittliche Bankmitarbeiter am Schalter hat nie exzessive Vergütungen kassiert. Aber man kann wohl klar sagen, dass es der ganzen Branche dank dieser Finanzblase unverhältnismässig gut ging, nicht nur den Topmanagern und Investmentbank-Gurus. Die Bankbranche hat fast in allen Bereichen über ihre Verhältnisse gelebt.

Darum ist es wirklich unverständlich, wenn jetzt Politiker zulassen, dass staatlich gestützte Banken auch noch Boni ausschütten. Das Gegenteil wäre richtig: Die Banken sollten sich so schnell wie möglich gesundschrumpfen, und das betrifft nicht zuletzt das Vergütungsniveau. Da darf es nicht um Sensibilitäten gehen oder um einzelne Abteilungen, die ja möglicherweise gut gearbeitet haben. Die ganze Branche braucht einen umfassenden Reset, und zwar schnell.

Und zum oft vorgebrachten Argument, dass die besten Leute die betroffenen Banken verlassen würden, wenn sie keinen Bonus bekommen, kann man nur sagen: Hervorragend. Gut so. Denn das ist genau der Zweck von Lohnunterschieden: Die fähigen Leute in die Firmen und Branchen zu ziehen, die gut gemanaged sind und wirklich etwas Substanzhaltiges produzieren. Denn genau so sollte Marktwirtschaft funktionieren.